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Wegbeschreibung nach Tipperary und andere irische Wahrheiten
• • • • • (bewertet mit 5 von 5 Punkten)
Alle meine Rezensionen ansehen Rezension bezieht sich auf: Die Wahrheit über die Iren (Taschenbuch) Meine literarischen Irland-Kenntnisse beschränkten sich bis dato auf Flann O'Brien, McCourts "Angela's Ashes" und Bölls "Irisches Tagebuch" -- alles lesenswert, aber zugegeben nicht Landeskunde auf neustem Stand. Entsprechend ähnelt mein Irland-Bild ein wenig Eagletons Phantasmagorie in seiner gediegen boshaften Einleitung "Die Iren von A bis Z": Auf der Insel empfangen einen rothaarige bärtige grüngewandete Leprechauns, die um ein Guinness-Fass herum Reel tanzen und sich in einem Idiom verständigen, das möglicherweise auch auf eine ernste Mandelentzündung hinweist. À propos "Irish English": Auch wenn Eagletons Stil im O-Ton ein Vergnügen für sich ist -- Silvia Morawetz' Übersetzung kann sich sehen und vor allem: lesen lassen. Aber wie kommt jemand, dem in nächster Zukunft kein Irland-Besuch bevorsteht, zu einem Buch über die Iren? -- Ganz einfach: Wer schon mal Eagletons geschliffener Rhetorik begegnet ist, egal ob der Autor Literaturtheorien tranchiert oder den Begriff "Kultur" unter die Lupe genommen hat, der weiß: Wo "Eagleton" draufsteht, ist Geist drin, und der zeigt sich schon vor allem Inhalt im geschliffenen Stil. Und diese Erwartung wird nicht enttäuscht; vor diesem Autor ist nichts sicher, was man über die Iren zu wissen glaubt, egal ob über die Altvorderen überliefert oder auf Nachrichten über die Keltische Tiger und auf den "Commitents" basierend.
Natürlich zwinkert "Die Wahrheit über die Iren" mit beiden Augen, und Eagleton wäre nicht Eagleton, schriebe er nicht mit spitzer Feder und lästerte und polemisierte er nicht. Das kennt man schon von seinen ernstgemeinten Werken, also ist erst recht in einem Buch mit lustvoll präsentierten Klischees zu rechnen, in dem der Autor mal nicht streng Wissenschaft betreibt. Manche Witze sind zwar ein wenig abgestanden, etwa die Definition von "Bodhran", bei dem es sich nicht um den Gatten handle, obwohl es auch mit einem Stock bearbeitet werde, haha. Aber Ausrutscher dieser Art bleiben zum Glück die Ausnahme. Der stets gegenwärtige Witz hindert Eagleton aber nicht daran, Wissenswertes mitzuteilen, und zwar nicht nur über skurrile Bräuche und Formulierungen ("Fugghan", "Herrengedeck", "Gott", "Shamrock", "Giant's Causeway" u.v.a.m.) sowie die traumatische nationale Vergangenheit ("Auswanderung", "Gälisch", "Heckenschulen", "Hungersnot"): Endlich erklärt mir mal jemand, was genau beim Osteraufstand 1916 eigentlich los war, und was es mit dem irischen Wirtschaftswunder auf sich hat... Mit Wissen vollgepackt und amüsant zugleich stellt Eagleton andernorts ("Iren, die") klar, dass es kein Irish English gibt, sondern gleich mehrere Irish Englishes, mit aussagekräftigen Beispielen. Und wenn ein Irlandophile sein Kind fürs Leben strafen will, erfährt er beim Stichwort "Seamus und Sinead", welch zungenbrechende Vornamen dieses Volk im Arsenal bereithält ("Toirdealbhach" oder lieber "Lasairfhiona"?). Dass die Iren einzigartig sind, belegt er im Stichwort "Unikum" durch 20 statistische Fakten. Freilich muss Statistik immer vorsichtig genossen werden, denn sie veraltet ruckzuck; heutzutage hat Irland z.B. nicht mehr das Problem der Massenarbeitslosigkeit (seit 1994 ist halt einiges passiert...): Hund-Hundehalter-Quotienten und weltweit höchster Teeverbrauch sind ebenso erwähnt wie die Tatsache, dass vielleicht die Iren das einzige Volk sind, das nicht gewaltsam christianisiert wurde. Vielleicht. Jedenfalls haben sie als erste eine Feministin als Präsidentin gewählt. Katholisch sind sie trotzdem.
Soweit, so bekannt aus anderen amüsanten Landeskunden dieser Art. Was bei Eagleton hinzukommt, das sind die fundierten Hintergrund-Informationen; bei aller Ironie informiert er auch über die gar nicht komischen historischen, sozialen und religiösen Hintergründe für Mythen, Klischees und mythenferne Gegenwart.
Auch wenn man gelegentlich merkt, dass Eagleton primär amerikanische Leser im Visier hat, die Urlaub mit Ahnenforschung kombinieren wollen: "Die Wahrheit über die Iren" eignet sich für jeden Leser, den nach Information UND Geist dürstet. Und das Beste: Das alles trifft auch auf solche Leser zu, die man allein schon mit dem Wort "Guinness" jagen kann.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 14. März 2008 | | |
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